Okay, so viele Filme wie ich seit April gesehen habe, werde ich erstmal nicht mehr aufarbeiten können. Daher mal ein kleiner Auszug aus den letzten Wochen (unter anderem auch vom genialen Filmfestival Oldenburg, an dem ich das letzte Wochenende teilnehmen konnte):
Eine dunkle Begierde

Ein auf den ersten Blick recht ungewöhnlicher Cronenberg. Dennoch ist der Seelenstrip, der hier zelebriert wird, im Œuvre des Regisseurs die logische Konsequenz. So gibt es wenig bis gar keine plastischen Szenen (außer vielleicht ein, zwei Nacktszenen), von Body-Horror ganz zu schweigen, sondern lang gezogene Dialoge dominieren das Werk. Hierbei ist es vor allem den Darstellern zu verdanken, dass "Eine dunkle Begierde" sich in seinen besten Momenten als fesselnd und zugleich auch interessante Denkweisen eröffnend zeigt.
Don Jon

Ein durchaus gelungenes Regiedebüt des Schauspielers, der sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete und zudem die Hauptrolle übernahm. Wie viel Elan er in seinen Film steckte, zeigt Gordon-Levitt auch physisch, indem er für diesen Film einige Kilogramm an Muskelmasse zulegte. Auf dem Papier mag sein Film wie ein typischer Vertreter der RomCom klingen, doch achtet Gordon-Levitt bei jeder Szene darauf, geschickt die Klischees zu umschiffen. Dabei lässt sich sein Film weder der romantischen Komödie noch einem Drama zuordnen, wie zum Beispiel "Shame" es bei ähnlicher Thematik ist. Hierbei verhaspelt sich der Regisseur allerdings zusehends etwas in seinem Genre-Konglomerat. Wenn "Don Jon" in den letzten Minuten plötzlich erste Töne anschlägt, dann beißt sich dies immer wieder mit dem grundsätzlich heiteren Grundton. Zwar ist der dramatische Unterbau des Filmes stets spürbar, doch wirkt dies im Gesamten nicht immer ausreichend ausbalanciert.
Dennoch ist "Don Jon" ein äußerst unterhaltsamer und ungewöhnlicher Liebesfilm.
Kriegerin

In seinen wirklich guten Momenten ist "Kriegerin" ein authentisches Abbild eines Milieus, welches gerade aktuell immer wieder in den Medien Beachtung findet. Die guten Darstellerleitungen tragen hierbei ungemein zur Authentizität bei. Doch verpasst Regisseur Wnendt hier die Chance, einen wirklich sehr guten Film abzuliefern. Gerade die Charaktere werden oft vernachlässigt. Hinsichtlich der Motivation, diesen Gruppierungen beizuwohnen, lässt er doch oftmals nur Phrasen oder Klischees walten, um diese zu erklären und kratzt damit im besten Falle an der Oberfläche dieses Reizthemas. Dies trägt kaum zur Glaubwürdigkeit bei, sodass der Film seinen Reiz vor allem durch brillante Vorstellungen der Darsteller bezieht, die den Film dann doch über das Mittelmaß hinaus retten.
Hit & Run

Dass Humor eine höchst subjektive Angelegenheit ist, demonstriert dieser Streifen. Die im Grunde übersichtliche Geschichte bekommt durch den interessanten Genre-Cocktail, welcher die Ambitionen eines Road-Movies, einer Lovestory und Elemente des Actionkinos zusammen wirft, einen ganz eigenen Reiz. Jedoch bleiben die großen Überraschungen aus, sodass einzig der ungewöhnliche Humor für Stirnrunzeln sorgen dürfte. Manch ein Gag sitzt da, wo er sitzen sollte, wohingegen viele davon schlichtweg versanden. Dank eines namhaften Darstellerensembles, vielen durchaus netten Szenen und einer ansprechenden Umsetzung, kann man sich diesen Film durchaus mal ansehen. Vor allem Dax Shepard harmoniert in diesem Film sichtlich mit seiner Frau Kristen Bell.
Who am I - Kein System ist sicher

Ein deutscher Cyber-Thriller? Gerade das Hacker-Thema bietet filmtechnisch immer diverse Komplikationen, indem sich besagte Hackerszenen meist damit begnügen, zu zeigen, wie die Protagonisten angestrengt auf diverse Algorithmen eines beliebigen PC-Bildschirms schauen und wild auf die Tastatur einhämmern. Durch einen inszenatorischen Kniff werden diese Genre-Dogmen in diesem Film klug umschifft, indem sich besagte Szenen innerhalb eines imaginären Zugabteils abspielen, welcher das Dark-Net darstellen soll, innerhalb dessen die Protagonisten agieren.
Auch ansonsten braucht sich diese deutsche Produktion nicht hinter internationalen Produktionen (aus Übersee) verstecken. Die Produktionsqualität ist hoch, die Schauspieler namhaft und launig und das Drehbuch ausreichend spannend und gen Ende sogar mit einigen (guten) Wendungen behaftet. Ein solider und unterhaltsamer Thriller, wie man ihn selten aus deutschen Landen zu sehen bekommt.
Broadchurch - Staffel 2

Mit der direkten Fortsetzung beschreiten die Macher einen etwas anderen Weg als mit der ersten Staffel, welche noch genüsslich dem Whodunit-Prinzip folgte. So entwickeln sich nach einem leicht holprigen Einstieg zwei parallel verlaufende Handlungssträge. Zwar wird direkt an die erste Staffel angeschlossen, doch es wird ebenso versucht, dem bereits geklärten Mord eine neue Facette an Drama abzugewinnen. Über weite Strecken funktioniert das überraschend gut, zumal man gewillt war, den weiteren Handlungsverlauf möglichst bodenständig zu belassen. Somit gibt es nicht die große Überraschung, wie sie einst die erste Staffel bot (und diese mit einem Paukenschlag enden ließ), doch stimmt die Atmosphäre und der Spannungsbogen. Vor allem der Hauptcharakter Alec Hardy profitiert von dieser Staffel, indem seine Hintergründe näher beleuchtet werden. Und so ist es einmal mehr das Ermittlerduo Miller/Hardy, welche manch kleinere Durstrecke schnell überbrücken lassen. Mit Colman und Tennant hat man zwei tolle Schauspieler gefunden, die locker zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und Drama zu pendeln vermögen. Eine gute Krimiserie, ohne Zweifel.
Cooties

Ein bisweilen recht albernes Vergnügen, das seinen Reiz einzig aus dem Umstand bezieht, dass es die kleinen Racker sind, die hier zu blutrünstigen Zombies mutieren. Da darf durchaus der ein oder andere Liter Blut vergossen werden. Der Härtegrad zumindest passt. Darüber hinaus nervt der Humor leider und traf nicht immer den Punkt. Viele Gags versanden, trotz namhafter Darstellerriege und souveräner Inszenierung. Kann man sich angucken, muss man aber nicht.
13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi

Nach den Transformers-Kinder-Filmen gönnt sich Werbeclip-Regisseur Bay mal wieder ein ernsthaftes Thema, ohne dies jedoch mit angemessener Ernsthaftigkeit anzugehen. Vielmehr ist "13 Hours" ein sehr gut inszenierter, harter Kriegs-Actioner mit einer ordentlichen Portion Testosteron. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dessen sollte man sich bewusst sein. Für den geneigten Actionfan bieten sich somit einige sehr gut inszenierte Actionsequenzen, bei denen sich Bay mal wieder nach Herzenslaune selbst zitieren darf (neue Ideen hat er ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr), doch funktioniert dies bei diesem Vehikel ziemlich gut.
Wer keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema erwartet (tut man beim Namen Bay ja auch wohl nicht), der darf einen Blick riskieren.
Irrational Man

Sicher kann man Allen die repetitiven Elemente seiner letzten Filme zum Vorwurf machen. Auch "Irrational Man" wird sich dem nicht entziehen können. Dennoch spielt Allen auch hier wieder herausragend mit den Erwartungen und seziert die Liebesgeschichte auf philosphischer Ebene. Was sich wie schwere Kost anhören mag, ist letztlich doch eine sich so leichtfüßig wie locker anfühlende Krimi-Komödie, die eindeutig die Handschrift des Altmeisters trägt. Dass die Handlungen der Charaktere nicht immer nachvollziehbar, gar eher der Fantasie entsprungen, sein müssen, steht ganz im Sinne Allens, womit Brücken zu Werken wie "Scoop" geschlagen werden können. Mit Phoenix und Stone wurden zueinander gut harmonierende Darsteller gefunden, die sich schnell in dieser Welt einzufinden vermögen. Eine bitter-süße Liebesgeschichte ist es letztlich, die uns Allen hier auftischt. Und munden tut es immer noch.
Strawberry Bubblegums
Gelungenes Debüt, das jedoch einige gute Ansätze verpuffen lässt und dadurch immer wieder durchscheinen lässt, dass hier ein Neuling die Zügel in den Händen hielt. Der Film selbst versteht sich als leichtfüßige Komödie, die mit Merkmalen der Coming-of-Age-Komödie und denen der Road-Movies hantiert. Das Metier, das sich der Regisseur für die Suche nach dem unbekannten Vater (ein immer wieder gerne gewähltes Motiv) herausgesucht hat, ist im besten Falle ungewöhnlich. Immerhin handelt es sich ums Porno-Business, welches filmhistorsich bereits zu Genüge thematisiert wurde. Heutzutage lockt das jedoch kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor, sodass hier weniger das Was denn das Wie in Betracht gezogen werden sollte. So wird zwar ein durchaus freizügiger Einblick ins Business gewährt, doch muss dazu gesagt werden, dass dies eher die Schokoladenseite des recht harten Porno-Business darstellen muss. Regisseur Benkamin Teske zeigt alle männlichen Porno-Darsteller als irgendwie liebenswerte und trottelige Männer, wohingegen die Frauen allesamt freiwillig als Pornodarstellerinnen arbeiten und zudem noch ganz viel Spaß an der Sache haben. Ob dies in der Realität tatsächlich immer so der Fall ist, ist dann doch eher unwahrscheinlich. Natürlich darf von einer Komödie nicht verlangt werden, dass diese Themen wie Menschenhandel, Drogen, etc. thematisiert, doch wenn man sich solch ein schwieriges Thema als Grundlage für einen Film heraus sucht, dann sollte dies mit etwas mehr Feinfühligkeit verbunden sein.
Abseits dessen ist der Humor manchmal etwas schwerfällig, insgesamt jedoch liebenswert. Die Hauptdarstellerin macht ihre Sache ganz gut und die Regie ist insgesamt gelungen. Vor allem optisch besitzt der Streifen durch seinen 80s-Disco-Glamour-Look seinen Reiz und erinnert bisweilen gar an die Filme von Winding-Refn.
We are the Flesh
Newcomer Emiliano Rocha Minter zelebriert mit seinem Debüt-Langfilm "We are the Flesh" die Obsession von ödipalen Wunschvorstellungen, dem Verlangen und der Gier nach fetischisierten Körpersäften. Das Innere wird dabei nach außen gekehrt und zieht sich als konstantes Motiv durch den ganzen Film. Inszenatorisch kann man den Film gerne mit Rob Zombie vergleichen, ist in dieser Hinsicht jedoch über alle Zweifel erhaben.
Optisch und inszenatorisch also sehr gelungen, entblößt sich im Kern die pervertierte Faszination über den Ekel und die Anziehung, welche vom Gezeigten ausgeht. Intimität und Scham sind in dieser Welt nicht existent. So entwickelt sich der Film mit seinen ausgiebigen Sex- und Gewaltexzessen (die von den Darstellern mit vollem Körpereinsatz bewerkstelligt wurden) zu einer Achterbahnfahrt, die an den Rand des Erträglichen führen kann.
I am Not a Serial Killer
Mit seiner ruhigen bis melancholischen Grundstimmung wird der Indie-Herkunft Tribut gezollt. So ist "I am Not a Serial Killer" ein auf den ersten Blick feinfühliges Porträt eines jungen Mannes, der durch soziopathische Züge und Mordfantasien immer am Rande der Gesellschaft steht. Dass aktuell in seiner Stadt ein Serienkiller sein Unwesen treibt, lässt den Druck auf ihn steigen. Ohne zu viel verraten zu wollen, lässt Regisseur im weiteren Verlauf des Filmes diverse Genre-Zitate in den Film einfließen. Vor allem seinem offensichtlichen Vorbild Stephen King wird Tribut gezollt, indem sich viele Motive des Autors im Filmverlauf wiederfinden lassen. Eine besondere Bedeutung kommt auch Christopher Lloyd zu, der mit seiner Darstellung, die irgendwo zwischen ironisch und melancholisch oszilliert, immer wieder die Szenen an sich zu reißen vermag.
Die Hände meiner Mutter
Die - typisch-deutsch - biedere Herangehensweise an die, aus filmtechnischer und wissenschaftlicher Hinsicht, ungewöhnliche Thematik, lässt die emotionale Wirkung immer wieder verpuffen. Zwar kann die Darstellung von Andreas Döhler durchaus mitreißen, doch bleibt aus inszenatorischer Sicht stets ein großer Schleier vor dem Gezeigten, welcher den Zugang zu dem Stoff zusätzlich erschwert und es dem Zuschauer schwierig macht, einen emotionalen Bezug herzustellen. Viele inszenatorische Kniffe bleiben dabei zweifelhaft. Man war durchaus darauf bedacht, die Wirkung und Folgen der Handlungen der Beteiligten glaubhaft abzubilden, verpasste jedoch die Chance, die filmische Aufbereitung entsprechend zu realisieren.
Die Ökonomie der Liebe
Mit langen Single-Shot-Einstellungen aus der Distanz lässt Lafosse den Zuschauer eine lange Zeit als stillen Beobachter der Familie zurück, um ihn dann in wenigen, prägnanten Szenen an sich zu reißen. Somit entesteht immer wieder der Eindruck einer Dokumentation, die so nüchtern (wie es die Ökonomie per se ist) wie möglich die Auseinandersetzungen bebildert. Dass sich Konflikte in nur wenigen Szenen auftun und normale Abläufe gezeigt werden, die den Alltag der Familienmitglieder abbilden, unterstreicht den dokumentarischen Charakter des Films.
Inhaltlich bleibt Lafosse auf dem Boden und lässt den Zuschauer am Ende recht hilflos zwischen den Stühlen stehen. Sicherlich wird man sich in beiden Parteien irgendwo wiedererkennen. Und dass beim Thema Geld die Liebe ihre Grenzen findet, ist ja auch keine Seltenheit. Insofern ein realistisches Porträt einer endenden Ehe, wie es sie sicherlich nicht allzu selten gibt.
In a Valley of Violence
Der Film bietet all das, was einen Western ausmacht. Doch weder ist der Film eine Parodie, noch ein waschechter Post-Western; auch kann West in keiner Weise für sich behaupten, mit diesem Film eine Großtat vollbracht zu haben. Dennoch ist „In a Valley of Violence“ ein so unterhaltsamer wie optisch und akustisch äußerst ansprechender Film geworden, der gerade durch seinen Regisseur ein paar sehr interessante Ansätze zu bieten hat, die gerne von Western- als auch von Ti West-Fans erkundet werden dürfen.
