
Copyright: Panini Comics
Wonderland – Rückkehr ins Wunderland
Story: Raven Gregory, Zeichnungen: Daniel Leister, Kolorierung: Nei Ruffino
Broschiert, 144 Seiten
Verlag: Panini Manga und Comic
Veröffentlichung: 23. Februar 2010
ISBN-13: 978-3866079861
Aktuell begeistert Tim Burton mit seiner Version der "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln" Bücher von Lewis Carroll die Kinozuschauer und verblüfft mit frappierenden 3D Effekten und dem für Burton typischen, ganz eigenen Charme, der sich vor allem aus sehr schrägen Bildern und Regieeinfällen speist. Da im Hintergrund aber die Disney Studios produzierten, fiel der Film für einen Tim Burton recht handzahm und gemäßigt aus. Falls euch dieser Eindruck auch beschlichen haben sollte, habe ich hier eine ganz andere "Alice im Wunderland" Variante für euch. Diese hat die gleiche Prämisse wie Burtons Film und spielt Jahre nach den Ereignissen von "Alice im Wunderland". Doch während es in Burtons Film Alice selbst ist, die als Teenager noch einmal ins Wunderland zurückkehrt, ist es in dem hier präsentierten Comic gar ihre Tochter …
Jahre sind seit ihren Abenteuern im Wunderland vergangen und viel hat sich seitdem für Alice verändert. Sie ist inzwischen verheiratet und Mutter zweier Kinder. Und sie ist wahnsinnig. Die Erlebnisse im Wunderland und die beständige Verleugnung derselben durch Psychiater und Co. haben sie vollkommen apathisch werden lassen, weshalb sie sich von ihrer Familie komplett zurückzog und auch schon diverse Selbstmordversuche hinter sich hat. In der Folge geht ihr Mann mit einer dominanten Kollegin fremd, wendet sich ihre Tochter Calie der Wave-Gothicbewegung zu und lässt ihr Sohn Geisteszüge und Verhaltensweisen erkennen, die einen unvermittelt an die Genesis eines Serienkillers denken lassen. Aus dieser Situation heraus kommt es zur Katastrophe und Alice startet einen neuen Selbstmordversuch. Calies Auftauchen verhindert das Schlimmste. Im Krankenhaus empfiehlt man der Familie den Kauf eines Haustieres für die Mutter, sei dies doch eine gute Möglichkeit, sie aus ihrem geistigen und seelischen Schneckenhaus herauszuholen.
Die Wahl von Alice fällt auf ein unheimliches weißes Kaninchen. Dieses büxt eines Tages aus, weshalb Calie sich auf die Suche nach dem kleinen Rammler macht. Im Keller bricht sie dabei unversehens durch den Boden und fällt in ein nicht enden wollendes Loch. Letztendlich landet sie in einem Raum voller Türen, doch nur für die kleinste existiert ein Schlüssel. Experimente mit einem Schrumpftrunk und einem Wachstumskuchen gewähren Calie endlich den Eingang in das Wunderland, von dem ihre Mutter immer einmal gesprochen hatte. Allerdings mit dem Unterschied, dass Calie auf eine vollkommen pervertierte Form dieses Ortes stößt! Blutrünstige Monstren, sexbesessene Hutmacher, Zombiekaninchen, machtbesessene Königinnen … In "Wonderland" gibt es nichts, was es nicht gibt …
Grimm Fairy Tales: Return to Wonderland, wie "Wonderland" in den USA heißt, ist eine Miniserie des Comicverlages Zenescope, ein Independent Comiclabel, das sich vor allem auf die Neudeutung von Märchen und Geschichten spezialisiert hat, die die Macher früher selbst als Kinder gern vorgelesen bekommen haben. Nur eben erweitert um einige kleine Details, die die im Unterton ohnehin teils grausamen Märchen noch mehr verschärften. Die bekannteste Reihe des Verlages sind die Grimm Fairy Tales, die sich seit 2005 zu einer der erfolgreichsten unabhängig produzierten Comicserien überhaupt entwickelt haben. Hier geht es, der Name deutet es ja bereits an, vor allem um die Umdeutung der Märchen der Gebrüder Grimm. Als besonders erfolgreiches Nebenprojekt entpuppte sich dann die "Return to Wonderland" Serie, die in zunächst sieben Ausgaben die "Alice im Wunderland" Geschichte neu auslegte und interpretierte und mit den "Tales from Wonderland" schon eine Fortsetzung gefunden hat.
Die Originalserie "Wonderland" beginnen die Macher gleich einmal mit einem Paukenschlag. Alice liegt in einer Wanne und während sie ein Familienfoto anschaut, färbt sich das eingelassene Wasser rot. Ihre Tochter Calie klopft gegen die Tür, zerrt kurz darauf ihre fast tote Muter aus dem Nass und versorgt die selbst beigefügten Wunden. Und ähnlich entwickelt sich dann die weitere Geschichte. Mit dem unheimlichen Karnickel wird es immer beunruhigender und man fragt sich beständig, wohin die Reise gehen wird. Im Wunderland angekommen schmunzelt man über viele Szenen, die man so schon aus der Alice Verfilmung von Walt Disney kennt und derer sich auch Tim Burton reichlich bediente. Doch wo Burton vor allem auf seine unnachahmlichen und vor Details überfließenden Bilderstürmerkünste setzte, verlegt sich "Rückkehr ins Wunderland" auf Horror pur.
Schon Alices Begegnung mit dem Hutmacher endet in einem Splatterinferno, nachdem sie kurz zuvor als nackte Essensunterlage für den irren Sexmaniac herhalten musste. Und auch der Rest der Story wird in blutroten Lettern geschrieben. Allerdings haben diese Gewaltexzesse immer auch einen sehr grotesken Unterton, was sie im Rahmen der ziemlich abgefahrenen Geschichte erträglich, ja sogar stimmig macht. Weniger harmlos wäre einfach ein fauler Kompromiss. Auch in sexueller Hinsicht passiert in "Rückkehr ins Wunderland" vieles, was man bei Walt Disney oder Burton vergeblich sucht. Der Vater der Hauptfigur lässt sich von einer Domina einreiten, die Hauptfigur lässt immer die Träger des Slips unter den Hosen hervorblitzen und gewährt in der zweiten Hälfte viele der vor allem in Mangas beliebten Slipshots, der Hutmacher hat ein Sexsucht Problem, Calies Bruder ist Pornofan und obendrein sind die weiblichen Figuren wie so oft allesamt hinreißend rund gebaute Sexbomben.
Dieser Overload an Sex und Gewalt macht die ganze Serie schon im Alleingang zu einem wunderbar trashigen Pulpgeschichtchen, das seine Vorlage nicht allzu ernst nimmt, sich gleichzeitig aber auch nicht despektierlich gegenüber der Originalgeschichte verhält. Es überträgt die ohnehin nicht ungruselige Originalgeschichte einfach in das Genre, in das sie vielleicht schon immer gehört hat. Und in Horrorstoffen geht es nun einmal nicht zimperlich zu. Dem trägt die "Rückkehr ins Wunderland" offensiv Rechnung.
Doch sollten sensible Seelen die Geschichte nun nicht rundweg vorverurteilen. Denn "Wonderland" verzerrt nicht nur die Originalstory ins Groteske und Splatterhafte, nein, in dem zunächst etwas überflüssig anmutenden, sich aber zunehmend steigernden und am Ende richtig beklemmend werdenden letzten Kapitel erweitert das Comic sogar die Ursprungsgeschichte und gibt ihr eine neue, sehr interessante Richtung, die "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln" fast zu einer Art Opus um Verrat, Korruption und Wahnsinn macht. Spätestens in diesem Abschnitt gelingt der Comicreihe, die der deutsche Verlag Panini bei uns in einem Sammelband gebündelt veröffentlicht, ein großartiger erzählerischer Kniff, der auch noch genial mit diversen, sehr düsteren Abschnitten um Kindesmissbrauch und Vergewaltigung "harmoniert", also diese etwas beklemmenden Momente nicht mehr so in der Luft hängen lässt, wie sie es bis zu diesem Abschnitt recht provozierend taten.
"Wonderland - Rückkehr ins Wunderland" begeistert von der ersten Seite an mit sehr detaillierten Zeichnungen von Daniel Leister, der den ohnehin cartoonhaft grotesken Grundton der Geschichte in ebensolchen Bildern umsetzt. Das könnte allerdings so manchem missfallen, da vor allem der alles abrundende, knallig bunte Kolorierungsstil von Nei Ruffino nicht zwingend Horroratmosphäre aufbauen will und kann. Das ist aber insofern auch gar nicht nötig, da "Rückkehr ins Wunderland" eben keine atmosphärische oder gar charaktergetriebene Horrorstory erzählen möchte, sondern eben eher einen ziemlichen Pulp Fiction / Trash Anstrich hat und im besten Sinne als billig bezeichnet werden kann, wenn nicht gar muss. In diesem Sinne ist die gesamte zeichnerische Umsetzung eben sehr funktional auf den Grundton der Geschichte ausgerichtet und erfüllt mehr als nur ihren Zweck.
Diese "Rückkehr ins Wunderland" ist ganz sicher nichts für Feingeister. Vielmehr bekommt man hier eine ziemlich rabiate Neuinterpretation der Geschichte um "Alice im Wunderland", die rein inhaltlich gar nicht einmal so blöd aufgezogen wird und eben eine reizvolle Ausgangssituation und ein überaus interessantes Ende auffährt und sich damit deutlich von den bisherigen Aliceumsetzungen abhebt, zumal sie auch das Element des Wahnsinns viel konsequenter umsetzt, als das bisher geschehen ist. Filmkenner werden zudem einige Male schmunzeln müssen, wenn etwa die "Mächte des Wahnsinns" oder "Matrix" zitiert werden. Dazu kommen detaillierte, in knalligen Farben erstrahlende Bilderwelten und ordentlich Sex und Gewalt und fertig ist der kleine, unterhaltsame Comichappen für Zwischendurch.

In diesem Sinne:
freeman

