[Review] Guy Ritchie's Gamekeeper

Liquids mediales Sammelsurium.

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[Review] Guy Ritchie's Gamekeeper

Beitrag von freeman » 22.07.2008, 11:35

Gamekeeper

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Originaltitel: Gamekeeper
Idee: Guy Ritchie
Story: Andy Diggle
Zeichnungen: Mukesh Singh
Verlag: PaniniComics

Gamekeeper war die erste Veröffentlichung des neuen Comiclabels Virgin Comics in Deutschland und letztendlich hätte man sich keinen besseren Start für das neue Comiclabel, das auf einen erwachsenen Markt abzielt, vorstellen können, denn was hier unter Federführung von Guy Ritchie (Snatch, Bube Dame König grAS) auf den Leser losgelassen wird, ist einfach mal Old School Revengeaction vom Allerfeinsten in der kaltblütigen Manier eines ultrabrutalen The Punisher. Diese rast wie ein Actiongewitter über den Leser hinweg und mutet in jedem Panel an, wie ein feuchter Traum eines jeden Actionafficionado. Kein Wunder, dass sich Joel Silver umgehend eine Option auf diese Vorlage sicherte und eine Verfilmung in die Wege leitete. Wobei es schwer werden dürfte, den doch sehr brutalen Grundton der Geschichte ins Medium Film hinüberzuretten.

Worum geht es nun eigentlich? Im Mittelpunkt steht ein Wildhüter, den alle nur Brock nennen. Viel ist über seine Herkunft und seine Geschichte nicht bekannt, da Brock kaum jemanden an sich heranlässt. Tschetschene ist er und er liebt die Natur sowie ihre ehernen, häufig auch recht brutal wirkenden Grundregeln. Er arbeitet in Schottland auf dem Gehöft eines Mannes namens Jonah Morgan. Alles könnte absolut idyllisch sein, wenn nicht eines Tages eine Gruppe bewaffneter Söldner in das Haus von Jonah eindringen und den alten Mann umbringen würde. Umgehend bricht Brock zu einem Rachefeldzug auf und meuchelt fast alle Mitglieder dieser Todesschwadron. Am Ende weiß er, dass die Vermummten an eine spezielle Akte heranwollten und dass ihr Auftraggeber in Amsterdam sitzt. Brock bricht umgehend gen Holland auf, um die Verantwortlichen zu richten. Doch dieser Trip wird auch zu einer Reise in seine eigene, extrem blutige Vergangenheit ...

Das war es dann auch schon an Geschichte. Brock mäht sich fortan durch Gegnerhorden, deckt diverse Hintergründe der Bluttat auf und wird am Ende für alle Verantwortlichen ein Zusammentreffen mit Gott arrangiert haben. Dazu sondert er Bonmots ab wie:

Die Wildnis kennt kein Gewissen. Keine Moral. Nur Notwendigkeit. Nur Überleben. Um jeden Preis.

Diese umschreiben den zynischen Grundton der Geschichte sehr treffend und sind häufig genug die einzige Rechtfertigung für die Taten Brocks. Er handelt eiskalt, ohne jegliche echte Legitimierung und ist dabei nur sich selbst und seinem Moralkodex verpflichtet. Wie er diesen umsetzt, mit welcher Brachialität und welcher Brutalität, das ist einfach 80er Jahre Actionkino pur. Nicht mehr und nicht weniger. Das einzige anachronistische Element ist das letztlich ausschlaggebende Motiv für alle Untaten, die durch die Bäddies verübt werden, denn dieses fußt definitiv in unserer Gegenwart und spielte in den 80ern wirklich GAR keine Rolle. Der Rest ist treibende, harte Action vom Feinsten, die jedwede Form von Schriftzug ihres Schöpfers missen lässt.

Denn vom Mitwirken Guy Ritchies merkt man in Gamekeeper nichts! Dazu ist die Geschichte viel zu geradlinig, straight und direkt aufgebaut. Zwar läuft parallel zum Rachefeldzug von Brock eine Storyline um seine Vergangenheit in Tschetschenien, die ebenfalls erst zum Ende kommt, als die Hauptgeschichte beendet ist, aber von den teils komplexen Zeit- und Handlungssprüngen der erfolgreichen Ritchie Werke ist hier absolut nichts zu spüren! Auch sein teils köstlicher, teils knochentrockener Humor geht dem Gamekeeper vollkommen ab. Die One Liner tragen die zynische Menschenverachtung längst vergangener Actionhochzeiten in sich, von Humor und Co. ist da weit und breit nichts zu spüren! Und das ist letztendlich auch gut so, hätte es der kompromisslosen Story wohl eher im Weg gestanden, als ihr zu dienen.

Dennoch stellt sich schon die Frage, wie viel Ritchie nun letztendlich wohl wirklich zum Comic beigetragen haben wird. Zumindest konnte er sich absolut auf Andy Diggle verlassen, der dem Gamekeeper Konzept aus Ritchies Feder das nötige Fleisch auf die Rippen packte. Diggle verdiente sich seine Sporen bei der Arbeit an diversen Comicserien. Darunter ein Swamp Thing Mehrteiler und diverse Hefte der Green Arrow Reihe. Und falls Ritchie ihm eine geradlinige, straffe und atmosphärisch dichte Umsetzung seines Konzeptes angetragen hat, kann man nur konstatieren, dass Diggle auf ganzer Linie triumphiert. Den eindrucksvollsten Part lieferte aber eindeutig der indische Zeichner Mukesh Singh ab. Wie die meisten seiner Kollegen, die Virgin Comics unter Vertrag hat, ist er bislang in unseren Breiten eher nicht bis gar nicht in Erscheinung getreten. Einzig das demnächst erscheinende Shadow Hunter hat er bisher auf seiner Habenseite zu verbuchen und man fragt sich schon, warum dem so ist, denn was der Inder hier abliefert ist schlichtweg genial.

Seine Zeichnungen sind der absolute Hammer und atmen in jedem Panel grandiose filmische Qualitäten. Im Grunde braucht man den Gamekeeper gar nicht mehr zu verfilmen, denn Singh lieferte bereits die vermutlich beste Version einer möglichen Verfilmung ab. Seine Bilder wirken detailtechnisch stark reduziert, was natürlich auf die reduzierte Geschichte passt, wie die Faust aufs Auge. Schaut man sich aber die scheinbar schlichten Zeichnungen einmal genauer an, wird man gewahr, wie der Mann arbeitet. Es gibt kaum durchgezogene Linien. Selbst Konturen bestehen aus kleinsten, extrem feinen Strichen. Obendrein sind diese Konturen nichts Feststehendes. Vielmehr scheinen sie zu fließen, in Bewegung zu sein und sich von Bild zu Bild zu verändern. Sie wirken wie Work in Progress Blaupausen eines getriebenen Künstlers, der immer weiter verfeinert, immer mehr Details einbringen muss und irgendwann sogar einfach mal einen dicken Strich quer durch das ganze Gesicht setzt und nicht wieder beseitigt. Das Ergebnis hat geradezu fieberhafte Qualitäten und verleiht den Bildern eine Gehetztheit und Getriebenheit, die der Geschichte noch einmal zusätzlichen Drive verleihen. Absolut genial! Das I-Tüpfelchen liefert in dem Zusammenhang dann die Kolorierung, die weit von den von mir bisher vorgestellten Reihen Voodoo Child und 7 Brothers abweicht. Hier gibt es keine fetten und gedeckten Farbflächen, sondern eine Kolorierung, die ebenfalls wirkt, als sei sie mit einem feinem Buntstift Strich für Strich aufgetragen wurden.

Zudem durchzieht eine interessante Farbdramaturgie die einzelnen Abschnitte des Sammelbandes. Die Szenen auf Jonahs Farm sind in monochromen Stahlblau gehalten, die Ankunft von Brock in Amsterdam kommt in grün daher, die eigentliche Amsterdam Episode erstrahlt in Rottönen, der Showdown ersäuft in Lilatönen und die Rückblenden sind in megaedlem Schwarz Weiß gehalten und wirken, als sei hier viel mit Radierung gearbeitet wurden. Kurzum, man hat es hier mit einem wahren optischen Meisterwerk zu tun!

Das Ergebnis dieser Einzelteile ist ein von der Story her schlichtes Actionvehikel, das permanent Tempo und Adrenalin atmet und wie eine Hommage an längst vergessen scheinende Tugenden des 80er Jahre Raubeinactionfilmes wirkt, in dem erst geschossen, dann geschossen und dann eventuell gefragt wird. Dabei ist kein Panel überflüssig und wird absolut nur das Wichtigste verbalisiert, die wenigen Twists sitzen auf den Punkt und die Rückblende in Brocks Vergangenheit erweist sich als hochdramatisch. Dazu gesellt sich eine brillante optische Aufmachung, die es versteht, das ohnehin hohe Tempo der Geschichte noch zu verschärfen und die jeweiligen Situationen zu intensivieren. Absolut grandioser Lesespaß für ein abgebrühtes und hartgesottenes Publikum, das sich an diversen knallroten Farbtupfern in der interessanten Farbdramaturgie nicht stört, denn hier fallen nicht nur Späne, wenn gehobelt wird ... Stark!
:liquid10:

Der erste Sammelband von Panini beinhaltet die ersten 5 Ausgaben des Gamekeeper und damit die erste Miniserie zum Thema. Mindestens eine weitere ist noch geplant!

Guckprobe:
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Beitrag von Vince » 22.07.2008, 11:48

Du wirst ja noch ein richtiger Comicreziexperte. Meinen Respekt. Schaut aber auch wirklich spitzenmäßig aus. Farben, Kontrast und Beleuchtung sind ja wirklich absolute Weltklasse. Erinnert in dem Abschnitt fast schon ein bissl an "The Thing".

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Beitrag von freeman » 22.07.2008, 12:45

Also die Zeichnungen in dem Band sind wirklich absolut der Hammer. Ich mach ja wirklich selten ein Heftchen auf und bin sofort hin und weg, hier ging es aber mühelos, zumal Gamekeeper auch komplett Wortlos einsteigt und einen damit "zwingt" erstmal in die Bilder einzutauchen. Jetzt bin ich gespannt auf den Shadow Hunter und was der Zeichner da gerissen hat ... die Story wird ja leider nen bissel sehr trivialer ...

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Beitrag von MysteryBobisCREEPY » 24.07.2008, 11:39

Jo, die Art der Pics gefällt mir auch sehr, aber ob ich je wiederan Comic lese :?
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Beitrag von freeman » 24.07.2008, 11:44

Klar, wenn ich alter Sack das kann, dann kannst du das auch ... ausser freilich, du hast das Lesen verlernt ... ;-)

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