Catch Without Arms

Technische Daten
Vertrieb: Interscope Records
Laufzeit: 55:18 Min.
Anzahl der Tracks: 13
Extras: Keine
Booklet: 16 Seiten
Verpackung: Jewel Case
Tracklist
Perspective I
1. Ode To The Sun
2. Bug Eyes
3. Catch Without Arms
4. Not That Simple
5. Zebraskin
6. The Tanbark Is Hot Lava
7. Sang Real
Perspective II
8. Planting Seeds
9. Spitshine
10. Jamais Vu
11. Hung Over On A Tuesday
12. Matroshka (The Ornament)
Bonus Track
13. Uplifting News
Kritik
Dredg sind unfassbar ungreifbar in ihrem Wesen. Als 1998 das Debüt “Leitmotif” erschien, kontrastierten sich bereits die Reaktionen auf dieses Album mit dem nicht minder seltsamen Titel als derjenige der Band selbst. An Kunst, bevorzugt Malerei orientierte Klangcollagen, surreale Textkreationen machten es schwer, die Kalifornier in eine irgendwie etikettierte Schublade zu verfrachten. Und mit der Ungreifbarkeit ist keine derartige wie die von Tool gemeint, denn die sind bei all ihrer Komplexität immer noch auf eine Basis zurückzuführen. Will man jedoch Dredg vergleichen, so muss man schon Fragmente von anderen Bands verwenden, beinahe schon einzelne Riffs oder Klangfolgen. Alles gröbere wäre ein Frevel an der Einzigartigkeit, der Weigerung, sich den gängigen Schemata zu unterwerfen - und es ist kein bewusstes Streben gegen diese Schemata, es scheint ein aus sich selbst verlaufendes Prozedere zu sein. A-Ha werden immer mal wieder als Vergleich herangezogen, Prog-Rock-Bands wie Porcupine Tree lassen sich hier und da auch immer mal wiedererkennen, ergo auch Floydsche Psychedelic Moments. Der Vergleich zu Tool hinkt da schon stärker, denn wenn schon Maynard Keenan, dann eher A Perfect Circle, die speziell auf ihrer “Thirteenth Step” einige Momente hatten, die zumindest annähernd Dredg gleichkamen.
2002 erschien das bei Kritikern vielumjubelte “El Cielo” - der Durchbruch für die künstlerische Anerkennung war geschafft, obwohl man sich, Interscope sei Dank, auf Touren eher “primitiven” Nu Metal-Bands wie 4Lyn und Alien Ant Farm anschließen musste, die nun wirklich überhaupt nichts mit den künstlerischen Sphären von Dredg zu tun hatten. Und das gibt auch viel vom einhorngleichen, scheuen Wesen der Band her - sie scheut sich zu zeigen, was sie eigentlich ist, sie steht nicht gerne im Mittelpunkt. Ihre Schönheit soll zwar erfasst werden, aber immer auf einer unnahbaren Distanz. Der Effekt ist ein Kontrast - der Kontrast zwischen Komplexität und Einfachheit, zwischen Intention des Künstlers und Adaption des Kunstliebhabers.
Mit dem dritten regulären Album “Catch Without Arms” nehmen sich Dredg dieser Thematik nun vollends an durch ein Album, das gleich von Beginn an eingängiger konzipiert zu sein scheint, simpel und schön, einfach und gut. Es ist dieser Kontrast, den man in der Zeit von “Leitmotif” und “El Cielo” kennen gelernt hat. Die Frage ist: Inwiefern ist Kunst von ihrem Echo abhängig? Sollte es in der Erstellung durch den Künstler mit einfließen, ob und wie der Endrezipient das Resultat am Ende aufnehmen wird? Dredg sind der Meinung: Nein. Deswegen der Titel: Catch Without Arms. (Emp-)Fange dieses Album ohne deine Arme. Wir nehmen dir deine Arme, die Möglichkeit, etwas an unserem Werk zu kritisieren... du sollst einfach nur zuhören. Deine Ohren haben wir dir nicht genommen. Einfach nur zuhören und die Musik auf dich wirken lassen, ohne das Werk in einer Rückprojektion doch noch zu beeinflussen.
Folglich sind die 12 Songs (plus 1 Bonustrack) aufgeteilt in zwei sich konterkarierende Akte, von Dredg selbst “Perspectives” genannt - offensichtlich handelt es sich um zwei Sichtweisen und einen Kommunikationskanal.
Die Sprache nennt sich Eingängigkeit; eine Annäherung an den Mainstream, die diesmal vollkommen Sinn macht. Denn in einer Kommunikation bedienen sich zwei Lebewesen eines Werkzeugs, das sie gleich gut bedienen: der Sprache. Wollen Dredg also nun in Kommunikation treten mit dem Hörer und dabei klar und direkt sein, so müssen sie sich von ihren einstmaligen komplexen, schwer schlüssigen Soundcollagen lösen und sie gegen eingängige Poprefrains eintauschen. Fakt ist: Dieser Schritt hat sich nicht im Prozess ergeben, sondern war er Gavin Hayes zufolge von vornherein beabsichtigt. Er ist ein bewusster Pinselstrich im Gemälde.
Trotz dieses großen Schrittes sind es zweifellos immer noch Dredg, die hier musizieren. Himmlischer, fast ätherischer Gesang verlässt Gavin Hayes Kehle und trifft in der Luft auf brüchige Gitarrenzitterer, die sich manchmal, ganz kurz, in Metal-Riffs verwandeln - ein Piano sorgt für dichten Sound in der Breite. Die Komplexität ist immer noch da, nur die Arrangements haben sich geändert. Waren “Leitmotif” und gar noch mehr “El Cielo” sich windende Äste und Verzweigungen eines kahlen Herbstbaumes, gefangen in der puren Schönheit eines Dali-Gemäldes, so ist “Catch Without Arms” der gleiche Baum zur Sommerzeit, erblüht zu einer grün-braunen, vollen, dichten Einheit.
Den Melodien ist auf Anhieb besser zu folgen, als dies in den vorangegangenen Alben der Fall gewesen ist. Man möchte einfach einem Sonnenuntergang entgegensehen und den engelsgleichen Leitlinien folgen, die für sich betrachtet nichts Verspieltes an sich haben, in ihrer Wirkung aber so unmissverständlich sind, wie sie nur sein können. Sie treiben den Hörer vorwärts, versorgen ihn mit Input, ohne von ihm einen Output zu verlangen. Zeuge dessen ist man direkt beim Opener “Ode To The Sun”, dann auch der darauf folgenden ersten Auskopplung “Bug Eyes”, das mit einem Refrain aufwartet, der das Gefühl der Sehnsucht hervorruft - wonach, bleibt zweitrangig.
Zwischendurch sorgen relaxte Einleger (“Zebraskin”) für die nötige Ruhe und Gelassenheit, um sich im sanften Grün des Albums zu verlieren. Den Übergang zur “Perspective 2" markiert an siebter Stelle mein persönliches Albumhighlight “Sang Real”, dessen Dichte unbeschreiblich ist, sprichwörtlich Alpha und Omega in sich vereint. Dumpfe Pianoklänge, rhythmische Snares und zuletzt Hayes’ unbeschreibliche Gesangslinie beenden das erste Kapitel, um sogleich ein neues aufzuschlagen.
Dessen Start mag man vielleicht dann auch als den Schwachpunkt des Albums bezeichnen, sofern ein solcher auszumachen ist. Während “Planting Seeds” relational eher uninspiriert daherkommt, kämpft “Spitshine” mit zu ordinären Akkorden und dem Ausbruch aus dem Muster, zwar mit Eingängigkeit zu überraschen, sich aber die Einzigartigkeit beizubehalten - in diesem Teil vermutet man manchmal tatsächlich gewöhnliche Radiomusik. Jedoch steigert sich die zweite Hälfte bis zum Ornament “Matroshka” durchgängig und verleiht dem Gesamtkonzept damit sogar so etwas wie Dramaturgie.
Im Gesamten ist man Dredg jedenfalls zum dritten Mal zu Dank verpflichtet. Die Weiterentwicklung hat sich zweifellos gelohnt. Als klar zugänglichstes aller drei Alben versprüht “Catch Without Arms” dennoch eine eigenwillige Atmosphäre, die dazu einlädt, einfach nur dahinzugleiten und sich der Musik, der Kunst, zu fügen. Zwar blieb der Lohn nicht ohne Opfer - viele wundervolle Zutaten aus “Leitmotif” und “El Cielo” blieben außen vor. Es ist etwas verlorengegangen, weshalb die Frage, welches das beste Album ist, nicht definitiv beantwortet werden kann. Doch manchmal muss man im Namen der Kunst Dinge opfern. Das ist hier geschehen, und es ist gut so.
Extras
Extras im eigentlichen Sinne sind nicht vorhanden; lediglich den Bonustrack kann man als Extra betrachten, da er nicht der dualen Konzeption des Albums angehört.
Artdesign
Sänger Gavin Hayes und Bassist Drew Roulette, beides Kunstliebhaber, erschufen selbst das Artwork für ihre neue CD, veröffentlichten ihre Arbeiten gar in Kunstmuseen. Das Artwork besticht mit betont reiner Simplizität und glasklarer Symbolik in Form des Bandlogos, Tieren, Menschen und Hybriden, deren Aufgabe es ist, Leben, Tod und Fruchtbarkeit darzustellen. Ein in Idee und Darstellung rundum der Konzeption des Albums dienendes und darüber hinaus optisch höchst angenehmes Design.
Fazit
“Catch Without Arms” schafft auch für mainstreamorientierte Hörer einen wunderbaren Blick in die Welt von Dredg. Auf Anhieb eingängig, verliert das dritte Album der Kalifornier mit zunehmender Laufdauer doch nichts von seiner Faszination, denn dies ist wahre Kunst, und Kunst ist unvergänglich. Bezüglich der Frage, welches Dredg-Album das beste ist, wird wohl niemals eine definitive Antwort gegeben werden.
Testequipment
AIWA NSX-SZ315
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