24.6.2008, München Zenith

Drei Jahre ließen sich die britischen NWoBHM-Legenden Judas Priest Zeit für ihr Followup zum grandiosen Reunion-Kracher „Angel of Retribution“, der die Mannen um den zu seiner Kultformation zurückgekehrten Metal God Rob Halford 2005 in alter Tradition allerfeinsten Britenstahl ins euphorische Fanvolk prügeln ließ. 2008 gingen die Priester einen Schritt weiter und wagten sich erstmals in ihrer nunmehr über 30-jährigen Bandkarriere an ein Konzeptalbum, dessen Mittelpunkt der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirkende umstrittene französische Prophet Michel de Nostredame aka Nostradamus darstellt (:arrow: Review). Mit Synthies, Klassik-Elementen und weiteren klanglichen Experimenten stießen die altehrwürdigen Herren damit bei den Fans nicht nur auf Gegenliebe und viele geradezu vor den Kopf, haben trotz zahlreicher Schwächen vor allem im ersten Akt des Doppelalbums jedoch ein durchaus hörenswertes, ambitioniertes und interessantes Opus geschaffen, das freilich in einer ausgedehnten Welttour präsentiert werden will.
Für die Komplett-Aufführung des inklusive Intros und Zwischenstücken 23 Tracks umfasssenden Epos hat Frontmann Halford bereits adäquate Musical-Events für 2009 angekündigt und beschränkt sich in diesem Jahr auf kleine Appetizer, um den Fans in erster Linie mit einer auf Nummer sicher gehenden Classics-Tour zu bieten, wonach sie begehren: Gerade mal zwei „Nostradamus“-Stücke haben es ins Set geschafft, das dafür vor Kulthits von „Metal Gods“ über „Breaking the Law“ bis zu „Painkiller“ nur so überquillt. Neben einem Festivalauftritt auf dem Bang Your Head beehrten die Priester die deutschen Fans dabei im Juni 08 auch mit zwei Hallengigs: Am 23.6. in Düsseldorf und am 24.6. in München bot man dem treuen Fanvolk eine Heavy-Metal-Show der Gottklasse und wählte sich als Support eine wahrlich hochkarätige Genrecombo aus, die längst mühelos selbst in der Lage ist, große Hallen zu füllen: Iced Earth um den nach kurzem Pyramaze-Intermezzo zurückgekehrten Matt Barlow, der den nach der Halford-Reunion vorübergehend bei Jon Schaffers US-Powermetallern eingestiegenen 90s-Übergangs-Priester Tim „Ripper“ Owens erneut zum Bandwechsel zwingt, spielen für einige Europagigs den Anheizer für die Metal Gods.

Iced Earth 2008
Pünktlich zum offiziellen Konzertbeginn um 20.00 Uhr (ein Tourshirt zum Standardwucherpreis von 30€ ist erstanden und ein Topplatz in Bühnennähe erkämpft) knüppeln die Jungs vor einer lediglich mit chicem Background-Artwork geschmückten Minimalbühne mit einer Krawall- und vor allem Lautstärkeoffensive los, dass einem flugs Angst und Bange um sein Trommelfell wird. Die Basswellen drücken einen beinahe physisch nach hinten, die Drums hämmern in ohrenbetäubender Lautstärke und Schaffer, Barlow und co. metzeln von der ersten Minute an alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, mit gnadenlosem Heavy-Metal-Krawall der Extraklasse nieder. Das Gitarristentrio schüttelt und bangt die Haarpracht publikumswirksam zu mörderischen Riff-Offensiven, ein im Gegensatz dazu beinahe glatzköpfiger Barlow brüllt und screamt sich die Seele aus dem Leib und die Fans danken es mit angemessener Begeisterung. Barlow präsentiert sich als unglaubliches Energiebündel und richtet sich in zahlreichen sympathischen Ansagen ans Publikum, während die Bands Kracher von „The Coming Curse“ über „Pure Evil“ bis „Vengeance is Mine“ heruntergezockt, sich so gut wie keine balladeske Pause gibt und mich vor allem mit den Übersongs mitreißt, die Barlow in höchstmögliche Stimmlagen exkursieren lassen: Das eingängige Ohrwurmepos „Declaration Day“ aus der Ripper-Ära mit grandiosen Scream-Offensiven nach dem zweiten Refrain, das als „Heavy Metal Lovesong“ angekündigte Übermeisterwerk schlechthin „Dracula“, dessen Gesang von gefühlvoll-balladeskem Auftakt in eine Schreioffensive der Superlative und melodiösestes Uptempo-Gebolze übergeht, und schließlich:
Barlow schmettert den wohl mit besten Kracher der Zeit mit Tim Owens famos unters Volk.How many people are in this hall? 2000? 4000? It feels like…Ten Thousand Strong!
Die Zugabe leitet – selbstverständlich – die Iced-Earth-Hymne schlechthin ein: „Melancholy“. Es folgen „My Own Savior“ und „Iced Earth“ und die Band verlässt nach einer stolzen Spielzeit von fast exakt einer Stunde die Bühne. Dieses knüppelharte Inferno müssen Priest erstmal toppen, denke ich mir, sinniere kurz über die Anschaffung eines Iced-Earth-Shirts, entscheide mich dann jedoch dagegen, da ich weder weitere 30€ verschleudern noch meinen Platz aufgeben will und freue mich trotz allem auch ein wenig mit meinem beruhigt aufseufzenden Trommelfell über die eingekehrte „Stille“. Ein dermaßen lautes Konzert ist mir bis dahin immerhin noch nie zu Ohren gekommen.
Setlist (leider nicht chronologisch, ich hab nix besseres gefunden und weiß nicht mehr alles auswendig):
Iced Earth
Pure Evil
Dark Saga
Vengeance Is Mine
Violate
Burning Times
Melancholy
The Coming Curse
Dracula
Declaration Day
Ten Thousand Strong
http://www.youtube.com/watch?v=smtsFFagVz0
http://www.youtube.com/watch?v=5DK2uYUDdNk
http://www.youtube.com/watch?v=oTJfl7rlVsM
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Die Wartezeit auf die Metal Gods beträgt glücklicherweise nur eine knappe halbe Stunde, wird mit Lauschen zur Lautsprechermusik (u.a. Black Sabbath mit „War Pigs“, was mich umgehend an das Highlight meines letztjährigen Ozzy-Besuchs erinnert), Diskussionen über den Ripper, Blind-Guardian-Livequalitäten und die nichtexistente Hallenbelüftung überbrückt und freudig des Ankommens der Priester geharrt.

Judas Priest 2008
Schließlich fällt der Vorhang und das übergroße, rotäugig leuchtende Antlitz von Nostradamus, auch Zierde des aktuellen Album-Covers, erscheint im oberen Bühnenhintergrund, während das Klassik-Intro „Dawn of Creation“ vom Band ertönt. Kurz darauf entern die Metal Gods die sich als zweistöckig, sehr stylish designt und eingerahmt von zwei übermannsgroßen Priest-Kreuzen präsentierende Stage, Halford kommt aus dem Boden eines seitlich emporragenden Turmes gefahren und gibt, unnahbar in einen silbern leuchtenden Kapuzenmantel gehüllt, den „Nostradamus“-Überkracher „Prophecy“ als Opener zum Besten: Atmosphärisch dank Beleuchtung und Kostümierung, die Halford souverän als französischen Mystik-Spezi des 16. Jahrhunderts in Szene setzt, grandios und musikalisch nicht minder überzeugend eröffnet der einzige brauchbare Song des ersten Akts der aktuellen Scheibe den Abend wahrlich mustergültig. Halford singt und screamt mit Inbrunst auf einer Höhe mit dem über Stage und Crowd thronenden Schlagzeug, während Glenn Tipton und K.K. Downing zwei Meter unter ihm die Fans mit donnernden Gitarrenriffs versorgen.
Priest gehen keine Risiken ein und jagen dem krachenden Opener gleich einen der Überklassiker der Bandhistorie schlechthin hinterher: „Metal Gods“ vom 1980er „British Steel“-Album mobilisiert bereits zu Anfang sämtliche vorhandenen Mitgröhl-Kapazitäten bis in die letzten Reihen.
The Priest is back!
heizt Halford das Publikum an, bis ihm dreimal mit einem begeisterten, Pommesgabel-begleiteten „Yeah“ geantwortet wurde, im Anschluss heißt es „Eat Me Alive“ und als vierten Song des Abends knüppeln die Priester den „Painkiller“-Orkan „Between The Hammer and the Anvil“ ins begeisterte Volk:Is everybody ready for some Judas Priest Style? Heavy Fucking Metal? Are you ready? Are you ready? Are you ready?
„Strom warning…but there’s no fear!“
Judas fucking Priest sind zurück und machen keine Gefangenen! Schon nach den ersten Songs sind Iced Earth in Vergessenheit geraten und die Metal Gods erbringen nichts weniger als den Gottesbeweis. In Perfektion gibt man dem Publikum, wonach es verlangt – Melodie, Härte, Show, Interaktion: Judas Priest fackeln das Bilderbuchideal eines Oldschool-Metalkonzerts ab. Klar geben sich die alten Herren ein wenig gemäßigter als die Iced-Earth-Kollegen, doch als statisch ist die Performance dennoch eindeutig nicht zu bezeichnen. Vor allem Halford zittert keineswegs mit Minimalbewegungen über die Bühne, sondern wechselt alle drei Songs das Outfit, bewegt sich zwischen den Stage-Areas, kommt mal aus dem Boden gefahren, mal auf einem mittelalterlichen Thron sitzenden unter dem Drumset oder später aus selbiger Schleuse per Harley hervorgebraust, animiert das Publikum bei jedem Song zum Mitmachen und wird freilich auch nicht müde, die global üblichen captatio-benevolentiae-Gesten zu bemühen: Die Priester freuten sich jedes Mal wieder, zu den deutschen Fans zu kommen, bedanken sich, dass „Nostradamus“ in die Albumcharts eingestiegen ist, Halford spricht ein, zwei Wörter Deutsch und küsst zur Zugabe eine zum Schal umfunktionierte Schwarz-Rot-Gold-Flagge, was zu frenetischen Jubelstürmen führt. So berechnet derartige Standardgesten auch sind, der Metal God bringt sie unheimlich sympathisch rüber.
Auch die Setlist zaubert einen Kracher nach dem anderen hervor, birgt zwar keine Überraschungen, dafür jedoch Hit um Hit: Aufs „Screaming For Vengeance“-Finale „Devil’s Child“ folgt der Live-Kracher schlechthin:
schreit Halford dreimal ins Publikum, bekommt drei euphorische „Breaking The Law“-Chöre als Antwort und kann auch im Verlauf des „British Steel“-Klassikers auf stimmkräftige Publikumsunterstützung setzen. Spätestens mit dem nächsten Song befördern mich die Priester endgültig ins Paradies: Das übergeniale „Painkiller“-Meisterwerk „Hell Patrol“ wird aus dem Archiv gekramt und im Refrain aus tausend Kehlen mitgebrüllt.„Breaking The What?“
Dass sich im Anschluss wieder Nostradamus im Bühnen-Background breitmacht, sorgt bedauerlicherweise für den einzigen Stimmungshänger. Das aktuelle Album hat von „Alone“ über „Visions“ bis „Future of Mankind“ wahrlich genug geniale Midtempo-Songs an Bord, doch ausgerechnet das schwache „Death“ gelangt als neben „Prophecy“ einziger Vertreter zu Liveehren. Düster grollend, solide vorgetragen, aber kaum mitreißend. Weiter geht’s mit „Dissident Aggressor“ und der wunderschönen Ballade „Angel“ vom 2005er Comebackalbum, dann weicht der passend im Hintergrund eingeblendete Stahlengel des Reunion-Covers einem großen blauen Auge und es ist klar, was kommt. Zu Anfang zugunsten von „Dawn of Creation / Prophecy“ verdrängt, schmettern die Priester den langjährigen Standardopener „The Hellion / Electric Eye“ von der ohnehin sehr stark im Set vertretenen 82er Scheibe „Screaming For Vengeance“ unters Volk. Das Intro wird von Gänsehaut erzeugenden „Wo-oh-oh“-Chören in „Fear of the Dark“-Manier begleitet und der Song entfaltet live vor allem im Refrain 100mal mehr Klasse als in der Studioversion.
Der wahre Killer jedoch wird erst jetzt ausgepackt: „Do you wanna hear something from Defenders of the Faith?“ Was folgt, ist nichts geringeres als „Rock Hard, Ride Free“, der wohl trvste Songtitel, den sich die Priester je ausgedacht haben und welche Meinung man auch immer zu derartigen lyrischen Ergüssen in Manowar-Nachbarschaft haben mag, live geht es ab wie Hölle, wenn die ganze Halle Halfords „Rock Hard“ ein begeistertes „Ride Free“ zur Antwort brüllt. Auf Heavy-Metal-Wolke 7 schwebend, wird dem Fan als nächstes der 70s-Klassiker „Sinner“ vor den Latz geknallt und mit brachialer Härte sowie unglaublichen Scream-Offensiven Halfords als eines der Überhighlights der Show zelebriert. Böse Zungen behaupten, die Schreie kämen vom Band, Fakt ist unabhängig davon jedoch, dass der von der Bühne ballernde Sound der schiere Wahnsinn ist. Zum Abschluss des regulären Sets setzt es „Painkiller“, der die Fans ab den ersten Tönen des legendären Doublebass-Intros in helle Begeisterungs-, Abgeh- und Headbang-Stürme versetzt.
Die obligatorische Zugabe bietet keinerlei Überraschungen, rockt deswegen aber nicht minder grandios: Für „Hell Bent For Leather“ entert Halford mit der Harley die Bühne, der Refrain wird von allen mitgebrüllt, es folgt „The Green Manalishi (With The Two-Pronged Crown)“, das man zwar ruhig durch das unglaublicherweise fehlende „Living After Midnight“ hätte substituieren können, aber dennoch souverän vorträgt, ehe der Metal God das Publikum zu ausgedehnten Mitsing-Spielchen animiert und zum großen Finale „You’ve Got Another Thing Comin“ auspackt, dessen Refrain der Crowd gegen Ende komplett überlassen wird.
Fazit: Priest sind ihrem Ruf als Metal Gods mit einer Wahnsinnsshow mehr als gerecht geworden und fackelten ein irres Klassiker-Set ab, das lediglich „Living After Midnight“ vermissen ließ. 100% Heavy Metal, 100% Priest, das beste Konzert meines Lebens! Da stört es nicht im mindesten, dass man sich nach exakt 90 Minuten schon wieder verabschiedete. The Priest is back!
Setlist:
1. Dawn of Creation
2. Prophecy
3. Metal Gods
4. Eat Me Alive
5. Between the Hammer and the Anvil
6. Devil's Child
7. Breaking the Law
8. Hell Patrol
9. Death
10. Dissident Aggressor
11. Angel
12. The Hellion / Electric Eye
13. Rock Hard, Ride Free
14. Sinner
15. Painkiller
16. Hell Bent for Leather
17. The Green Manalishi (With the Two-Pronged Crown)
18. You've Got Another Thing Comin'
http://www.youtube.com/watch?v=OBsQ1DKEuAs
http://www.youtube.com/watch?v=1anWV980_BE
http://www.youtube.com/watch?v=wMmWZgDEHfI
http://www.youtube.com/watch?v=aIN7aJGlBp4


