[CD] Nine Inch Nails - The Downward Spiral

Liquids kulturelles Sammelsurium.

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[CD] Nine Inch Nails - The Downward Spiral

Beitrag von Sir Jay » 08.06.2009, 22:49

Nine Inch Nails - The Downward Spiral
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Technische Daten
Vertrieb: Nothing Records
Release: 1994
Laufzeit: 65:02 Min.
Anzahl Tracks: 14
Extras: Booklet mit Lyrics
Verpackung: Schuber

Bild

Tracklist
01 Mr. Selfdestruct
02. Piggy
03. Heresy
04. March of the Pigs
05. Closer
06. Ruiner
07. The Becoming
08. I do not want this
09. Man with a big gun
10. A Warm Place
11. Eraser
12. Reptile
13. The Downward Spiral
14. Hurt

Wenn irgendwo in der Musikszene versucht wird ein Konzept durchgreifendes Album zu kreieren, die Aufnahme in einem ehemaligen „Mord-Haus“ stattfinden soll, in den Musikvideos Affen ans Kreuz genagelt und in Liveauftritten Instrumente geschrottet werden, dann kommt nur ein Musikact in Frage; Nine Inch Nails. Der musikalisch erhobene Stinkefinger gegen die geordnete Gesellschaft.
Bereits im Musikvideo zu „Happiness in Slavery“ aus der EP „Broken“ konnte Trent Reznor seinen Hass gegenüber Autoritäten äußerst provokant künstlerisch entfalten.

Doch was in „Broken“ noch wie eine Demo wirkte, sollte im Folgewerk „The Downward Spiral“ die maximale Essenz des menschlichen Verderbens erfassen und sie bis ins letzte Detail schmerzhaft ausarbeiten. Es ist der Trip einer gescheiterten Persönlichkeit durch ihren finalen Lebensabschnitt der begleitet wird von Gleichgültigkeit gefolgt von Verzweiflung über Selbsthass bis hin zum Suizid. Ein wahrer Höllentrip, ein metaphorisches Versinken in einer Lebenslauf darstellenden Spirale, die immer tiefer abwärts zum menschlichen Ruin führt.
Der Thematik entsprechend gestaltet sich die Musik als überaus „gestört“, sicherlich ein treffendes Adjektiv um die aggressiven Rythmen und Nerven zersägenden Samples zu beschreiben, ganz sicherlich jedoch nicht abwertend gemeint. Hier wird den Gefühlen der von Trent Reznors Alter Ego musikalisch Ausdruck verliehen, und die sind nun mal nicht schön.

Der Opener „Mr. Selfdestruct“ wirft dabei alle Schatten voraus und dringt mit dem ersten gesprochenen Satz „I am the voice inside your head“ buchstäblich in den Kopf ein, um ein erschreckend reales Gefühl von Manipulation und Ausbeute zu simulieren.
Reznors Gesang im Refrain, lyrisch weitestgehend die Religion als bestimmenden Faktor im Leben eines unterwürfigen Individuums versinnbildlichend, schneidet sich zusammen mit den harten, industriellen Samples wie eine rotierende Kreissäge in Fleisch und Blut.
Und das war nur der Auftakt, eine Einführung;
Die eigentliche Geschichte beginnt mit dem äußerst ruhigen, fast schon chilligen „Piggy“, der die frische Losgelöstheit einer Bezugsperson beschreibt, ehe das Schlagzeug im Hintergrund an Takt und Dynamik zunimmt und im dritten Track in eine wahre Häresie von Erniedrigungen mündet. Mit dem Refrain „your god is dead and noone cares, if there is a hell I'll see you there“ markiert „Heresy“ den sicherlich religionskritischsten Track der Scheibe.
Die komplette Info-geile Mediengesellschaft bekommt im anschließenden „March of the Pigs“ ordentlich ihr Fett weg. Mit gewohnt zersägendem Gesang fordert er alle „Schweine“ auf sich auf etwas zu stürzen, das ihr Interesse geweckt hat, Rücksicht auf Verluste wird nicht genommen, und sobald das Ziel erreicht (bzw geschändet) worden ist, darf die wilde Brut beruhigt schlafen. Hier wird die Ironie deutlich, wenn der hektische Rhythmus, die zerrenden E-Gitarren und der laute Gesang plötzlich einem angenehm symphatischen Klaviersolo begleitet von einer jovial angehauchten Stimme mit äußerst sarkastischem Unterton mit der Frage „doesn't that make you feel better?“ weichen.

Dem Entsagen dieser verdorbenen Gesellschaft versucht Trent Reznor (ich nenne die Figur einfach mal so) schließlich mit dem Ausleben ungezügelter Sexpraktiken in „Closer“ Ausdruck zu verleihen. Akustisch streng isoliert von allem was vorher war und nachher noch kommen soll, glänzt der Track mit Beats und zum Tanze auffordernden Einlagen; nicht umsonst die große Single-Auskoppelung für diverse Bars und Clubs. Auf den Text fuhren die Hörer auch tierisch ab. Der berühmt berüchtigte Refrain Opener „I want to fuck you like an Animal“ ist dabei jedoch weniger sodomistisch gemeint, als viel mehr der Versuch eine animalische „Fickwut“ zum Ausdruck zu bringen; das einzige was für die Hauptfigur noch funktioniert und ein Gefühl von „Nähe zu Gott“ vermittelt, welche Ironie!

Und damit beginnt schließlich auch schon der eigentliche Downfall der Hauptfigur im anschließenden Track „Ruiner“ mit der Erkenntnis von Ausbeute gefolgt von plagenden Selbstmordgedanken in „The Becoming“.
Selbstmordgedanken angetrieben von einer Stimme im Kopf, die in „I do not want this“ mit beunruhigender Gleichgültigkeit Reznor mehrmals verzweifelt „I do not want this“ flehen lässt, und schließlich in einem brutalen Gefühlsausbruch infernalischen Ausmaßes die bitterböse Drohung „Don't you tell me how I feel“ um die Ohren haut.
Nun wird die Figur gefährlich, in „Man with a Big Gun“ gar wahnsinnig; der Wunsch nach Erlösung In Form von Ableben wird in „Eraser“ förmlich aus dem Leibe geschrien und schließlich gelangt „The Downward Spiral“ mit seinem Titeltrack auch an den dramaturgischen Höhepunkt.
Angetrieben von einem leichten, wehenden Wind und einer Akustikgitarre, die die selben Töne anschlägt, mit denen „Closer“ endete mündet die Musik schließlich in einen elend langen, unerträglichen Todesschrei, wie er verstörender nicht sein kann, während gleichzeitig die schizophrene Stimme im Kopfe des Sterbenden mit unheimlich nüchterner Tonlage diesen finalen Akt des menschlichen Daseins voller Genugtuung kommentiert.

An dieser Stelle ist es dann auch schon eine Frage der Interpretation, ob dieser Selbstmord nun lediglich angedeutet, also nur metaphorisch gemeint war oder vielleicht doch der Anschluss in ein Leben im Jeinseits markiert. Fakt ist, dass Trent Reznor im letzten Track „Hurt“, dem Epilog des Albums, weiter existiert, besser gesagt seelenlos vor sich hin vegitiert und sich dabei selbst Schmerzen zufügt, um festzustellen ob er überhaupt noch irgend etwas fühlt. „My Empire of Dirt“ ist eine passende Umschreibung für die Art von Gewalt und Kontrolle die sich Reznors Leidensfigur im Hass auf die restliche Menschheit angeeignet hat, und damit letztlich auch scheiterte. Ein abgrundtief trauriger Song, der mit Reznors überzeugend einfühlsamen Gesang und der zurückhaltenden Begleitung der Akustik-Gitarre eine Atmosphäre entstehen lässt, die im Gesamtkontext zu den vorherigen 13 Tracks eine unglaubliche intensive Wirkung entfaltet.

Am Ende, wenn „Hurt“ mit einem arg gedehnten, krächzender Elektrosound das Ende der Geschichte ein dämmert und irgendwann im Wehen des Windes verstummt, wird klar, dass man hier nicht einfach nur Musik gehört, sondern viel mehr ein musikalisches Psychodrama erlebt hat.
Abgesehen von dem überirdisch gutem Songwriting, das dem Leidensweg der Hauptfigur teilweise eine poetische Note verpasst, steckt hinter all dem Wahnsinn und der Trostlosigkeit auch eine ordentliche Portion musikalischer Genialität.

Als Multiinstrumentalist hat Trent Reznor fast alle Instrumente selbst eingespielt, und sie in durchaus ungewöhnlicher Art und Weise kombiniert. Am beeinruckendsten sind die Stilbrüche, wo von aggressiven und chaotischen Tonfällen in seichtes Geflüster gewechselt wird, nur um kurze Zeit später mit einer neuen Explosion wieder aus den Socken zu Hauen wie etwa im entscheidenden Übergang von „Eraser“. Die künstlerische Freiheit geht so weit brutalen Hardcore Samples gut gelaunte Gitarrensolos folgen zu lassen und umgekehrt; die Kontraste sind überwältigend und furchteinflößend zugleich. Mit „A warm Place“ findet sich sogar ein rein instrumentales Stück, welches Das Gefühl von Einsamkeit und Verzweiflung treffend erfasst, während „Reptile“ das Kunststück vollbringt wie eine alte, rostige Maschine aus einem verlassenen Industriegebiet zu klingen; nie war die Bezeichnung „Industrial Rock“ treffender als hier.
Verfeinert werden spezielle Passagen noch mit Ausschnitten aus diversen Filmen, wie etwa ein Weinen, das dem Film „Texas Chainsaw Massacre“ entnommen wurde, um die Wirkung der melancholischen Übergangspassage in „Reptile“ noch intensiver zu gestalten, oder noch derber die endlos qualvoll vor sich hin schreienden Stimmen in "The Beginning" aus dem Film Robot Jox.
Aber am meisten reißt hier natürlich Reznors Stimme, die in entscheidenden Momenten eine unglaubliche Wucht entfalten kann, an anderen Stellen kontinuierlich dem Wahnsinn verfällt und äußerst unangenehme Stimmung aufkommen lässt.
Doch egal wie er singt oder schreit; er kommt immer ehrlich und glaubhaft rüber.

Damit ist Reznor's Meisterwerk „The Downward Spiral“ kein „Versuch“ eine bedrückende Atmosphäre zu schaffen sondern ganz einfach ein ehrliches Ausleben von Ideen und Gefühlen.
Die Musik auf dieser CD ist nicht schön, sie ist hässlich und ein absolut sicherer Kandidat von der Radio orientierten Mainstream Zuhörerschaft kopfschüttelnd abgewinkt zu werden.
Wer jedoch an Musik mehr Ansprüche legt als nur ein simples, akustisches Wahrnehmen von stimmigen Melodien und eingängigen Refrains, erlebt mit „The Downward Spiral“ ein Album, das der Disziplin „Kunst“ (dem die Musik letztlich angehört) wieder Bedeutung verleiht und dabei eine düstere Atmosphäre entfaltet, die 65min lang verstört, fesselt und mitfühlen lässt.
:liquid10:

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Beitrag von Vince » 08.06.2009, 23:10

Absolut geniale Kritik und mit das beste, was ich je von dir oder auch über dieses Album gelesen habe.

Ich bin selbst nie ganz warm geworden mit der Platte, ihren Höhepunkt erreicht haben die NIN imo klar auf der überirdischen "The Fragile", die ich zu meinen persönlichen Top 5 zählen würde.

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Beitrag von Sir Jay » 08.06.2009, 23:16

wow danke für das lob, dabei bin ich total unzufrieden, weil ich eigenltich noch so viel mehr dazu schreiben wollte; vllt ein paar worte mehr zum manson vorfall, ein paar worte zu reznors Lone-Wolf Attitude im Studio, ein paar worte zu den kleinen Helfern (darunter späterer stabbing westward drummer andy kubisewski; ich war selbst voll erstaunt) und natürlich noch unzählige worte mehr um die wirkung der musik zu beschreiben...naja dann wollte ich mich doch kurz fassen und zum ende kommen.

ich selbst konnte mit der scheibe zu beginn auch nicht wirklich warm werden, ich glaube nicht dass sich irgend jemand bei mersten hören gleich in die musik verliebt, aber irgendwie hab eich es doch geschafft immer wieder reinzuhören und irgendwann konnte ich den Ruf des Albums verstehen.
Viele der gesungenen Zeilen wirken zwar immernoch etwas zu derb, zumal ich kein Atheist bin, aber ich wollte einfach mal objektiv bleiben...tolle Scheibe, aber The Fragile halte ich auch für einen Tick besser...

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Beitrag von Sir Jay » 09.06.2009, 23:17

mal ne frage zu "the fragile"...dafür dass es als konzept album gehandhabt wird, erkenne ich da irgendwie nicht so recht den roten Faden...zwischen "where in this together now" und dem darauffolgenden Titelsong sehe ich noch die größte verbundenheit, aber der rest scheint mir irgendwie isoliert.

Außerdem finde ich, dass die schwache zweite hälfte der zweiten CD die gesamtwirkung des albums etwas eindämpft, ich meine da passiert ja nun wirklich nichts aufregendes mehr, ich würde das ganze da am ende fast schon als überflüssigen Lückenfüller bezeichnen *in deckung geh*

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Beitrag von Vince » 09.06.2009, 23:22

Also ich hab die Platte zu lange net mehr gehört, um sie jetzt verteidigen zu können. ;)

Hast aber recht, der ein oder andere Lückenfüller gerade auf der zweiten Hälfte ist da. Gibt da gewisse Parallelen zu Guns n Roses' "Use Your Illusion"-Platten.

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Beitrag von EatenAlive » 11.06.2009, 23:29

Vince hat geschrieben: Gibt da gewisse Parallelen zu Guns n Roses' "Use Your Illusion"-Platten.
Ich finde bis heute, dass eine Illusion-Platte gereicht hätte. Die Downward Spiral war in meiner dunklen Phase sowas wie ein Heiligtum, inzwischen ist man meine Liebe etwas abgekühlt.
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Beitrag von Sir Jay » 12.06.2009, 01:03

ach der eaten hatte ne dunkle phase? :)

ich wollte die platte mal nem bekannten, ein überzeugter und fanatischer Black metaler, geben und hören lassen; hätte mich brennend interessiert was der von dieser musik hält...weil es hat mich immer irgendwie etwas geärgert, dass ihm alles, was nicht dem Black metal entsprang zu "soft" und "harmlos" war...

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Beitrag von Vince » 12.06.2009, 08:00

Sir Jay hat geschrieben:weil es hat mich immer irgendwie etwas geärgert, dass ihm alles, was nicht dem Black metal entsprang zu "soft" und "harmlos" war...
Lol, ja das sind immer die besten. Sorry, aber Leute, die nach solchen Kategorien gehen, haben von Musik echt keine Ahnung...

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Beitrag von gelini71 » 28.01.2012, 11:54

Die Kollegen von Laut.de haben diesen Album dieser Tage in ihrer Liste der "Album Meilensteine" aufgenommen

*KLICK*
Ich mache keine Rechtschreibfehler, ich gebe Wörtern lediglich eine individuelle Note

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Beitrag von Sir Jay » 29.01.2012, 10:21

so muss dat sein 8-)

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Beitrag von Sir Jay » 24.07.2013, 13:39

Ein ehemaliger Producer und Sound Engineer von Michael Jackson behauptet, Jackson sei ein großer Fan von dem Album gewesen :D

http://www.gearslutz.com/board/4325168-post15.html

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