
Technische Daten
Vertrieb: Nothing Records
Release: 1994
Laufzeit: 65:02 Min.
Anzahl Tracks: 14
Extras: Booklet mit Lyrics
Verpackung: Schuber

Tracklist
01 Mr. Selfdestruct
02. Piggy
03. Heresy
04. March of the Pigs
05. Closer
06. Ruiner
07. The Becoming
08. I do not want this
09. Man with a big gun
10. A Warm Place
11. Eraser
12. Reptile
13. The Downward Spiral
14. Hurt
Wenn irgendwo in der Musikszene versucht wird ein Konzept durchgreifendes Album zu kreieren, die Aufnahme in einem ehemaligen „Mord-Haus“ stattfinden soll, in den Musikvideos Affen ans Kreuz genagelt und in Liveauftritten Instrumente geschrottet werden, dann kommt nur ein Musikact in Frage; Nine Inch Nails. Der musikalisch erhobene Stinkefinger gegen die geordnete Gesellschaft.
Bereits im Musikvideo zu „Happiness in Slavery“ aus der EP „Broken“ konnte Trent Reznor seinen Hass gegenüber Autoritäten äußerst provokant künstlerisch entfalten.
Doch was in „Broken“ noch wie eine Demo wirkte, sollte im Folgewerk „The Downward Spiral“ die maximale Essenz des menschlichen Verderbens erfassen und sie bis ins letzte Detail schmerzhaft ausarbeiten. Es ist der Trip einer gescheiterten Persönlichkeit durch ihren finalen Lebensabschnitt der begleitet wird von Gleichgültigkeit gefolgt von Verzweiflung über Selbsthass bis hin zum Suizid. Ein wahrer Höllentrip, ein metaphorisches Versinken in einer Lebenslauf darstellenden Spirale, die immer tiefer abwärts zum menschlichen Ruin führt.
Der Thematik entsprechend gestaltet sich die Musik als überaus „gestört“, sicherlich ein treffendes Adjektiv um die aggressiven Rythmen und Nerven zersägenden Samples zu beschreiben, ganz sicherlich jedoch nicht abwertend gemeint. Hier wird den Gefühlen der von Trent Reznors Alter Ego musikalisch Ausdruck verliehen, und die sind nun mal nicht schön.
Der Opener „Mr. Selfdestruct“ wirft dabei alle Schatten voraus und dringt mit dem ersten gesprochenen Satz „I am the voice inside your head“ buchstäblich in den Kopf ein, um ein erschreckend reales Gefühl von Manipulation und Ausbeute zu simulieren.
Reznors Gesang im Refrain, lyrisch weitestgehend die Religion als bestimmenden Faktor im Leben eines unterwürfigen Individuums versinnbildlichend, schneidet sich zusammen mit den harten, industriellen Samples wie eine rotierende Kreissäge in Fleisch und Blut.
Und das war nur der Auftakt, eine Einführung;
Die eigentliche Geschichte beginnt mit dem äußerst ruhigen, fast schon chilligen „Piggy“, der die frische Losgelöstheit einer Bezugsperson beschreibt, ehe das Schlagzeug im Hintergrund an Takt und Dynamik zunimmt und im dritten Track in eine wahre Häresie von Erniedrigungen mündet. Mit dem Refrain „your god is dead and noone cares, if there is a hell I'll see you there“ markiert „Heresy“ den sicherlich religionskritischsten Track der Scheibe.
Die komplette Info-geile Mediengesellschaft bekommt im anschließenden „March of the Pigs“ ordentlich ihr Fett weg. Mit gewohnt zersägendem Gesang fordert er alle „Schweine“ auf sich auf etwas zu stürzen, das ihr Interesse geweckt hat, Rücksicht auf Verluste wird nicht genommen, und sobald das Ziel erreicht (bzw geschändet) worden ist, darf die wilde Brut beruhigt schlafen. Hier wird die Ironie deutlich, wenn der hektische Rhythmus, die zerrenden E-Gitarren und der laute Gesang plötzlich einem angenehm symphatischen Klaviersolo begleitet von einer jovial angehauchten Stimme mit äußerst sarkastischem Unterton mit der Frage „doesn't that make you feel better?“ weichen.
Dem Entsagen dieser verdorbenen Gesellschaft versucht Trent Reznor (ich nenne die Figur einfach mal so) schließlich mit dem Ausleben ungezügelter Sexpraktiken in „Closer“ Ausdruck zu verleihen. Akustisch streng isoliert von allem was vorher war und nachher noch kommen soll, glänzt der Track mit Beats und zum Tanze auffordernden Einlagen; nicht umsonst die große Single-Auskoppelung für diverse Bars und Clubs. Auf den Text fuhren die Hörer auch tierisch ab. Der berühmt berüchtigte Refrain Opener „I want to fuck you like an Animal“ ist dabei jedoch weniger sodomistisch gemeint, als viel mehr der Versuch eine animalische „Fickwut“ zum Ausdruck zu bringen; das einzige was für die Hauptfigur noch funktioniert und ein Gefühl von „Nähe zu Gott“ vermittelt, welche Ironie!
Und damit beginnt schließlich auch schon der eigentliche Downfall der Hauptfigur im anschließenden Track „Ruiner“ mit der Erkenntnis von Ausbeute gefolgt von plagenden Selbstmordgedanken in „The Becoming“.
Selbstmordgedanken angetrieben von einer Stimme im Kopf, die in „I do not want this“ mit beunruhigender Gleichgültigkeit Reznor mehrmals verzweifelt „I do not want this“ flehen lässt, und schließlich in einem brutalen Gefühlsausbruch infernalischen Ausmaßes die bitterböse Drohung „Don't you tell me how I feel“ um die Ohren haut.
Nun wird die Figur gefährlich, in „Man with a Big Gun“ gar wahnsinnig; der Wunsch nach Erlösung In Form von Ableben wird in „Eraser“ förmlich aus dem Leibe geschrien und schließlich gelangt „The Downward Spiral“ mit seinem Titeltrack auch an den dramaturgischen Höhepunkt.
Angetrieben von einem leichten, wehenden Wind und einer Akustikgitarre, die die selben Töne anschlägt, mit denen „Closer“ endete mündet die Musik schließlich in einen elend langen, unerträglichen Todesschrei, wie er verstörender nicht sein kann, während gleichzeitig die schizophrene Stimme im Kopfe des Sterbenden mit unheimlich nüchterner Tonlage diesen finalen Akt des menschlichen Daseins voller Genugtuung kommentiert.
An dieser Stelle ist es dann auch schon eine Frage der Interpretation, ob dieser Selbstmord nun lediglich angedeutet, also nur metaphorisch gemeint war oder vielleicht doch der Anschluss in ein Leben im Jeinseits markiert. Fakt ist, dass Trent Reznor im letzten Track „Hurt“, dem Epilog des Albums, weiter existiert, besser gesagt seelenlos vor sich hin vegitiert und sich dabei selbst Schmerzen zufügt, um festzustellen ob er überhaupt noch irgend etwas fühlt. „My Empire of Dirt“ ist eine passende Umschreibung für die Art von Gewalt und Kontrolle die sich Reznors Leidensfigur im Hass auf die restliche Menschheit angeeignet hat, und damit letztlich auch scheiterte. Ein abgrundtief trauriger Song, der mit Reznors überzeugend einfühlsamen Gesang und der zurückhaltenden Begleitung der Akustik-Gitarre eine Atmosphäre entstehen lässt, die im Gesamtkontext zu den vorherigen 13 Tracks eine unglaubliche intensive Wirkung entfaltet.
Am Ende, wenn „Hurt“ mit einem arg gedehnten, krächzender Elektrosound das Ende der Geschichte ein dämmert und irgendwann im Wehen des Windes verstummt, wird klar, dass man hier nicht einfach nur Musik gehört, sondern viel mehr ein musikalisches Psychodrama erlebt hat.
Abgesehen von dem überirdisch gutem Songwriting, das dem Leidensweg der Hauptfigur teilweise eine poetische Note verpasst, steckt hinter all dem Wahnsinn und der Trostlosigkeit auch eine ordentliche Portion musikalischer Genialität.
Als Multiinstrumentalist hat Trent Reznor fast alle Instrumente selbst eingespielt, und sie in durchaus ungewöhnlicher Art und Weise kombiniert. Am beeinruckendsten sind die Stilbrüche, wo von aggressiven und chaotischen Tonfällen in seichtes Geflüster gewechselt wird, nur um kurze Zeit später mit einer neuen Explosion wieder aus den Socken zu Hauen wie etwa im entscheidenden Übergang von „Eraser“. Die künstlerische Freiheit geht so weit brutalen Hardcore Samples gut gelaunte Gitarrensolos folgen zu lassen und umgekehrt; die Kontraste sind überwältigend und furchteinflößend zugleich. Mit „A warm Place“ findet sich sogar ein rein instrumentales Stück, welches Das Gefühl von Einsamkeit und Verzweiflung treffend erfasst, während „Reptile“ das Kunststück vollbringt wie eine alte, rostige Maschine aus einem verlassenen Industriegebiet zu klingen; nie war die Bezeichnung „Industrial Rock“ treffender als hier.
Verfeinert werden spezielle Passagen noch mit Ausschnitten aus diversen Filmen, wie etwa ein Weinen, das dem Film „Texas Chainsaw Massacre“ entnommen wurde, um die Wirkung der melancholischen Übergangspassage in „Reptile“ noch intensiver zu gestalten, oder noch derber die endlos qualvoll vor sich hin schreienden Stimmen in "The Beginning" aus dem Film Robot Jox.
Aber am meisten reißt hier natürlich Reznors Stimme, die in entscheidenden Momenten eine unglaubliche Wucht entfalten kann, an anderen Stellen kontinuierlich dem Wahnsinn verfällt und äußerst unangenehme Stimmung aufkommen lässt.
Doch egal wie er singt oder schreit; er kommt immer ehrlich und glaubhaft rüber.
Damit ist Reznor's Meisterwerk „The Downward Spiral“ kein „Versuch“ eine bedrückende Atmosphäre zu schaffen sondern ganz einfach ein ehrliches Ausleben von Ideen und Gefühlen.
Die Musik auf dieser CD ist nicht schön, sie ist hässlich und ein absolut sicherer Kandidat von der Radio orientierten Mainstream Zuhörerschaft kopfschüttelnd abgewinkt zu werden.
Wer jedoch an Musik mehr Ansprüche legt als nur ein simples, akustisches Wahrnehmen von stimmigen Melodien und eingängigen Refrains, erlebt mit „The Downward Spiral“ ein Album, das der Disziplin „Kunst“ (dem die Musik letztlich angehört) wieder Bedeutung verleiht und dabei eine düstere Atmosphäre entfaltet, die 65min lang verstört, fesselt und mitfühlen lässt.



