... oder: Die Zerstörung des schönen Scheins

Originaltitel: Nip/Tuck
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 2003
Regie: Ryan Murphy u.a.
Darsteller: Dylan Walsh, Julian McMahon, John Hensley, Joely Richardson, Roma Maffia, Linda Klein, Kelly Carlson, Kelsey Batelaan, Jessalyn Gilsig, ,Bruno Campos, Valerie Cruz, Sanaa Lathan u.a.
„A perfect mind, a perfect soul, a perfect face, a perfect lie … make me beautiful“ so kündet schon die Eröffnungsmusik von Nip/Tuck, einer Serie um zwei Schönheitschirurgen. In der Serie geht es um die komplexen Probleme und Befindlichkeiten von sowohl den Menschen, die Schönheitschirurgen konsultieren, als auch den Schönheitschirurgen selber. Dabei geizt die Serie nicht mit tiefschwarzem Humor, hochdramatischen Momenten, blutigen Operationsszenen und einem freizügigen Mix aus Sex, Drogen und Alkohol. Die am 10. Dezember 2010 erscheinende sechste Staffel schließt die Serie mit mehreren Paukenschlägen ab.
Sagen Sie uns, was sie an Ihrem Aussehen stört!
Die beiden Schönheitschirurgen Dr. Christian Troy und Dr. Sean McNamara, die erst vor kurzer Zeit von Miami Beach nach Los Angeles umgezogen sind, weil sie sich vom Moloch Hollywood Aufträge und Geld ohne Ende versprachen, werden zu Beginn der sechsten Staffel gnadenlos von der Realität eingeholt. Die Wirtschaftskrise ereilt auch die krisensicher geglaubte Schönheitschirurgie und geht nicht folgenlos an der neuen Praxis von McNamara / Troy vorbei. Die Schulden steigen, zumal man für die Kunden weiterhin den schönen Schein wahren muss, was die beiden Ärzte teuer zu stehen kommt. Die Aufträge beginnen sich auf wenige Stammkunden zu beschränken und selbst jene scheinen auf einmal vor allem an ihrer Schönheit zu sparen. Finanziell angeschlagen geht es auch privat drunter und drüber im Leben der Schönheitschirurgen. Sean gerät an eine schwarze Witwe, die nach seiner Lebensversicherung trachtet, sein Sohn gerät auf die schiefe Bahn, seine Tochter isst ihre eigenen Haare und seine Schwiegermutter treibt ihn und seine Ex-Frau Julia an den Rande der Verzweiflung, als sie das Sorgerecht für die Kinder von Sean und Julia beantragt – und dieses zu erhalten scheint! Und Christian Troy vögelt nach wie vor alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Doch die Zeiten, in denen sich Schulden durch einen Fick mit einer Bankangestellten tilgen ließen, sind in Zeiten der Lehmann Brothers längst passe. So verliert der nach wie vor über die Stränge schlagende Troy so gut wie alles, seine Kurzzeitfrau Liz, die er in Staffel fünf nur heiratete, weil er glaubte, bald sterben zu müssen, zieht ihm obendrein die finanziellen Hosen herunter. Und in dem Beziehungsgefüge Troy/McNamara kriselt es immer mehr, da vor allem McNamara glaubt, dass Troy ihn immer wieder einbremst und verhindert, dass er glücklich werden kann.
Diese Reibereien explodieren förmlich in der abschließenden sechsten Staffel der Serie Nip/Tuck und machen noch einmal deutlich, wie stark diese Serie von ihren beiden Hauptcharakteren angetrieben wurde, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Nip/Tuck, was übersetzt ungefähr soviel bedeutet wie „Schnipp, Schnapp“ und freilich sehr simplifizierend für die berufliche Tätigkeit der beiden Hauptfiguren steht, dürfte eine der charakterintensivsten Serien überhaupt sein. Kaum eine andere Serie verstand und versteht es so gut, in ihre Protagonisten einzutauchen, die alleine aufgrund ihrer charakterlichen Eigenheiten per se nicht so recht als Identifikationsfiguren taugen.
Auf der einen Seite haben wir Christian Troy. Geldgierig, sexsüchtig, oberflächlich, ein Blender sondergleichen und vollkommen egomanisch. In den ersten Staffeln von Nip/Tuck lässt er so harte Sprüche vom Stapel, dass jeder Menschenfreund die Ohren anlegt. Erst ein ihm untergejubeltes Kuckuckskind, das auch noch schwarz ist und einen der befreiendsten Lacher der Seriengeschichte zur Folge hatte, bricht ihn ein wenig auf. Zumindest scheint es so. Doch letztlich ist Christian zu keiner wirklich menschlichen Regung in der Lage. Zwar scheint es immer so, als wünsche er sich insgeheim eine echte Beziehung, doch schnell wird klar, dass er eigentlich total beziehungsunfähig ist. Wenn er weint, weint er ausschließlich um sich, was nicht selten passiert. Und gerät er in Schwierigkeiten, agiert er durchaus auch am Rande der Legalität, nur um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. In der Serie wird als Grund für sein Verhalten angeführt, dass er als Kind von seinem Vater missbraucht wurde, doch letztlich hat man durchweg den Eindruck, dass Troy auch so immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen und ein Arschloch geworden wäre. Ein wichtiger Unterschied zu seinem Partner McNamara ist, dass er nur um des Geldes Willen arbeitet, während man bei McNamara immer wieder durchscheinen sieht, dass es ihm auch um das Wohl seiner Patienten geht.
Sean McNamara lernte Troy beim Medizinstudium kennen und überredete ihn zur Schönheitschirurgie, da man da das große Geld abgreifen könne. McNamara ist der eigentliche Könner der beiden Mediziner. Befähigt zu den kompliziertesten Eingriffen sorgt er im Alleingang für das Renommee der Firma, während Troy mit seiner selbstsicheren und arroganten Art die Kunden heranschafft oder herbeivögelt, denn nicht selten weist er seine Sexpartnerinnen während des Aktes auf ihre Unzulänglichkeiten hin. Doch McNamara ist definitiv kein Engel. Sein größtes Problem ist, dass er sich Troy gegenüber moralisch überlegen fühlt und auf einem mehr als hohen Ross sitzt. Die Folge sind diverse Fehleinschätzungen, die den medizinisch so unfehlbaren McNamara immer wieder sehenden Auges fast in seinen Untergang steuern. Affären, Mordversuche, eine schwarze Witwe, die Verlockungen des Ruhmes - als er als Arzt in einer erfolgreichen TV Serie auftritt - und seine katastrophale Ehe mit Julia McNamara seien nur exemplarisch genannt.
Seine Ehefrau Julia ist ohnehin einer der Dreh- und Angelpunkte in Nip/Tuck. Zusammengebracht hat Julia und Sean nämlich Christian, der dennoch nie die Augen von Julia lassen konnte. Und nicht nur die ... Die Folge ist der gemeinsame Sohn Matt, von dem Sean jahrelang glaubte, er sei sein eigen Fleisch und Blut! Alleine diese Drei- oder besser Viereckskonstellation hätte manche Serie schon mühelos über ihre gesamte Existenz hinweg mit Themen befeuern können, in Nip/Tuck bleibt sie eine nicht zu verachtende Nebenhandlung - die enorm wichtig für die Dynamik der Beziehungen der Hauptfiguren ist. Zumal der fortan von beiden „Vätern“ als Sohn angenommene Matt enorm unter dieser „Patchworkfamilie“ zu leiden hat. Dass er daraufhin vom Neonazi zum Ladendieb und Pantomimen mutiert und irgendwann in Pornos mitspielen will, verwundert da niemanden mehr.
Die einzelnen Staffeln von Nip/Tuck funktionierten nach dem Schema ähnlich gestrickter Serien. Sprich, sie boten abgeschlossene Handlungen in den einzelnen Episoden und verbanden diese durch einen jeweils staffelübergreifenden Storybogen miteinander. In Staffel I galt es für die beiden Ärzte beispielsweise einen in der ersten Folge gemachten „Schönheitsfehler“ zu vertuschen, an dessen Ende sie einen Patienten in den krokodilverseuchten Gewässern Miamis „entsorgten“. In Staffel II treibt ein unheimlicher Verbrecher namens „Der Schlitzer“ sein Unwesen, der McNamara/Troy auf seine Abschussliste setzt, als sie publikumswirksam die Opfer seiner Attacken operieren und damit seine „Handschrift“ entfernen. Der Schlitzer beschäftigte die beiden Ärzte auch in Staffel III, weshalb die beiden Ärzte sogar zeitweise ihre berufliche Verbindung aufgeben müssen, da Sean McNamara in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird. Gegen Ende der Staffel verfällt der Schlitzer in einen wahren Blutrausch. In Staffel IV verkaufen McNamara/Troy wegen Geldsorgen ihre Klinik an einen kranken Millionär. Eine Zweckgemeinschaft, die die beiden Ärzte vor immer neue Probleme stellt und vor allem Sean und Julia endgültig auseinander treibt. Darum gibt Sean in Staffel V seine Anteile an McNamara/Troy auf und zieht gen Los Angeles. Im Gepäck: Troy, der weiß, dass er ohne Sean dem Untergang geweiht ist. In der Glitzermetropole warten viele neue Herausforderungen und vor allem Sean macht die unliebsame Erfahrung, wie gefährlich Fans werden können. Dabei steigert sich Nip/Tuck von Staffel zu Staffel immer mehr zu einer Art Satire auf gängige Soaps und Dramaserien, überzieht seine Handlungen ins Extrem, wirkt teils überlebensgroß, gar grotesk und laviert dabei immer an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit, ohne seine Zuschauer vor den Kopf zu stoßen.
Darum machen diese staffelübergreifenden Handlungen auch durchweg Laune, doch die eigentliche Stärke der Serie sind die Einzelepisoden. Diese tragen durchgehend den Namen der Person, die McNamara/Troy in der jeweiligen Episode operieren. Während die einzelnen Episoden dabei unberechenbar zwischen rasend komisch und bedrückend schwer hin und herwechseln, ziehen einem die mit schmissigen Rock- oder Dancetracks untermalten Operationsszenen durchweg die Schuhe aus. Diese mit teils frappierend realistischen Details angereicherten Szenen erinnern an Dokumentationen aus Schlachthöfen und lassen einen immer wieder nur entsetzt mit dem Kopf schütteln und die Frage aufkommen, wie dieser medizinische Wirkbereich jemals diese Omnipräsenz erreichen konnte, die er aktuell inne zu haben scheint. Doch wie heißt es so schön: Wer schön sein will, muss leiden. Sprichwörtlich. Weniger detailreich, aber bei weitem nicht weniger offenherzig, geht es in Sachen Sex bei McNamara/Troy zu. Analverkehr, straighter Heterosex, Inzest, Pornodrehs, Sex mit Molligen, Squirting, Sex auf Drogen und/oder Alkohol, Atemreduktionsspiele, Masturbation, flotte Dreier oder Partnertauschparties, Nip/Tuck fährt das gesamte Spektrum an zwischenmenschlichen „Liebesspielen“ auf und lässt vor allem Christian Troy von einer sexuellen Eskapade zur nächsten springen, ohne dass sich Sean McNamara irgendwie ein Zurückhaltungsbienchen anstecken lassen dürfte. Beide Lebemänner leben in erotischer Hinsicht eigentlich alles an Sexspielen aus, was man sich im Allgemeinen so vorstellen kann.
Doch egal wie offensiv diese Aufregermomente auch daherkommen mögen, im Grunde ging es in Nip/Tuck um den schönen Schein und in welch hässlicher Fratze er daher kommen kann. Nip/Tuck ist voll von Menschen, die äußerlich alles andere als hässlich sind, aber sie sind es innerlich. Sie sind hohl, abgestumpft, zynisch und keiner würde in Wirklichkeit mit solchen Menschen zu tun haben wollen. Schon die jede Folge eröffnende Floskel „Sagen Sie uns, was sie an Ihrem Aussehen stört“ ist so hochgradig menschenverachtend, wie es nur sein kann. Da sitzen Menschen, die unsicher sind, die sich von ihrer Umwelt bestimmen lassen, die irgendwelchen Schönheitsidealen hinterrennen und genau jene fragt man, was sie an sich selbst stört. Ein krasser Widerspruch in sich selbst. Und Nip/Tuck kehrt diese Perversion nach außen und macht überdeutlich klar: Es kommt eben doch NICHT auf die vielbeschworenen inneren Werte an. Das passiert schonungslos und brutal, was es der Serie in der Publikumswahrnehmung immer ziemlich schwer machte. Vor allem in Deutschland wurden die Sendeanstalten mit der Serie nicht glücklich und reichten sie von ProSieben über Kabel 1 an Sat 1 weiter, wo man dieses hochklassig produzierte und mit grandiosen Gastdarstellern versehene Fernsehjuwel im mitternächtlichen Programm unwürdig verheizte. In den USA erfreute sich der Serie großer Beliebtheit bei Publikum und Kritikern, weshalb es überraschte, als es hieß, dass man nach sieben Jahren Nip/Tuck und sechs Staffeln erstklassiger Fernsehkost Schluss machen wollte. Doch die Produzenten wollten einfach aufhören, bevor ein merklicher Qualitätsverlust in der Serie einsetzen konnte. Das Traurige ist, dass man bisher keinerlei Form von Abnutzungserscheinungen ausmachen konnte. McNamara/Troy, ich werde euch und eure grandiose politische Unkorrektheit vermissen!
Rückschauend ist eine
Alle Staffeln sind von Warner Bros. auf DVD erschienen und uncut, wobei die Freigabe munter zwischen FSK 16 und 18 hin und herwandert.
In diesem Sinne:
freeman



